Was tun: Mein Pferd „drängelt“ beim Ausritt nach Hause

 

Ein entspannter und kontrollierter Ausritt im Gelände ist für viele Freizeitreiter ein erstrebenswertes Ziel. Auch für den sportlich ambitionierten Pferdefreund sollten regelmäßige Ausritte zum Programm gehören, um seinem Pferd einen Ausgleich zum eintönigen Reitprogramm in Reithalle und Reitbahn zu bieten. Ganz besonders für jene Pferde, die keinen regelmäßigen ganztägigen Weide­gang haben, ist ruhige und gleichmäßige Bewegung in abwechslungs­reichem Gelände optimal geeignet, um ein grundsolides und gesundheitsförderndes Fitnessprogramm anzubieten.

Geländefrust statt Lust

Doch was ist, wenn die guten Absichten wie eine Seifenblase zerplatzen und das Pferd beim Ausritt stets Richtung Heimatstall drängelt, wenn es hektisch wird, gegen die Hand geht, sich aufregt und total verspannt? Wenn es in der Gruppe hektisch wird und immer nach vorn drängt? Solche Reaktionen zeigen nur, dass man es versäumt hat, ihm eine entsprechende vorbereitende Geländeschulung zu vermitteln. Es reagiert entsprechend instinktiv auf diese ungewohnte Situation. Als Folge ist die Harmonie zwischen Pferd und Reiter gestört, und als letztes Mittel wird mit fester Hand und viel Kraft versucht, die Kontrolle wieder­herzustellen und das Verhalten zu unterdrücken. Doch damit erreicht man keine Lösung des Problems, sondern häufig verschlimmert man es noch. Der Nutzen eines Geländerittes geht verloren.


Drei gute Gründe gibt es, um ein Pferd durch systematische Übungen geländetauglich zu machen:

  1. die Sicherheit von Pferd, Reiter und Umwelt;
  2. die Gesundheit des Pferdes;
  3. die soziale Komponente.

Von einem Pferd, das nicht mehr durchlässig an den Hilfen ist, geht ein hohes Gefährdungspotential für die Umgebung aus. Hier ist der Reiter in der Verant­wortung. Ein Pferd, das sich die ganze Zeit während eines Ausrittes ver­spannt und hektisch ist, wird sich frühzeitig verausgaben. Wird das zur Regel, so können sich vielfältige körperliche Nachteile einstellen.

Reitet man zu zweit oder in einer Gruppe aus, so werden solche Pferde zu einem echten Störfaktor. Abstände werden nicht eingehalten, ruhiges Warten bei einer Straßenüberquerung ist nicht möglich, und die Hektik überträgt sich manchmal sogar auf ansonsten ruhige Pferde in der Gruppe. Der Reiter oder die Reiterin eines drängelnden Pferdes sind oft aus Frust schlecht gelaunt und verderben den anderen die gute Stimmung.

Ein Geländeritt ist ein echter Prüfstein für die Qualität der Ausbildung. Vertrauen in den Reiter, Durchlässigkeit und Rittigkeit zeigen sich gerade vor diesem Hintergrund.


Lern-Programm mit Erholungsfaktor

Planen Sie mit Ihrem Pferd ein mehrwöchiges Gelände-Programm. Erwarten Sie zu Anfang noch kein perfektes Verhalten. Beginnen Sie mit einfachen Übungen und steigern Sie die Anforderungen nach und nach. In den vergangenen Ausgaben dieser Serie habe ich praktische Vorübungen aufgezeigt.

Wenn Sie ein sicherer Reiter sind, dann können Sie allein ins Gelände gehen, ansonsten bitten Sie jemanden mit einem geländesicheren Pferd, Sie zu begleiten. Diese Person sollte Ihr volles Vertrauen haben und Ihnen bei der Bewältigung Ihres Lernprogramms gern helfen wollen. Ihre Geländeritte sind Übungsritte, es geht nicht darum, viel Strecke in kurzer Zeit zu bewältigen oder die ganze Zeit nur geradeaus vorwärts zu reiten. Ihr Begleiter sollte das akzeptieren. Da eine wesentliche Ursache für Probleme im Gelände die Tendenz zum „Kleben“ an anderen Pferden ist, achten Sie darauf, dass Sie nicht nur dem Anderen hinterherreiten. Gehen Sie vorweg, und vergrößern Sie stets auch mal die Abstände. In einer Notsituation kann Ihre Mitreiterin oder Ihr Mitreiter Hilfestellung leisten oder mal kurzfristig die Vorreiterrolle übernehmen. Dieses Prinzip, im Gelände zu zweit zu reiten, empfehle ich jedem nicht so routinierten Reiter generell. Ob Sie nun allein oder zu zweit ins Gelände gehen, Ihr Pferd sollte in den Gangarten kontrollierbar sein, seitlich begrenzende und weichen-lassende Hilfen kennen.

Ideal wäre es, wenn sie schon an Trail-Hindernissen die kontrollierte Bewältigung neuer Situationen geübt oder es für eine GHP vorbereitet haben. Teilen Sie Ihre Ritte in 5- bis 10-minütige Phasen im Wechsel von Aktion und Entspannung ein. In der Aktions- und Konzentrationsphase reiten Sie Ihr Pferd vermehrt an den Hilfen, in der Entspannungsphase reiten Sie es am langen Zügel. In den Aktionsphasen reiten Sie beispielsweise bewußt auf der linken oder rechten Seite eines Feldweges und nicht „irgendwo“. Halten Sie an, richten einige Schritte rückwärts, wenden Sie und reiten dann ein Stück des Weges zurück, um die Übungen nun zu wiederholen. Sprechen Sie sich dabei mit Ihrem Mitreiter ab, wenn Sie nicht allein reiten. Reiten Sie mal vorn, mal hinter ihm und auf einer Strecke von ca. 20 – 50 Metern jeweils in entgegen­gesetzter Richtung.

An Wegkreuzungen und auf Feldwegen, die breit genug sind, reiten Sie einige Volten. Führen Sie diese korrekt aus, mal wird Ihr Pferd gegen den inneren Schenkel drängen, mal über die äußere Schulter ausweichen wollen. Machen sie irgendwo einige Minuten eine Pause. Steigen Sie eventuell ab und wieder auf, und zwar sowohl auf der rechten wie auf der linken Pferdeseite. Nutzen Sie Regentage, um durch Pfützen exakt in der Mitte auf einer von Ihnen gedachten Linie hindurchzureiten. Suchen Sie eventuell eine Stelle, in der Sie auf festem Grund in einen Bachlauf oder Fluss reiten können.

Kurz gesagt: Ihre Geländeritte sind für einige Zeit nichts anderes, als auf einem „erweiterten Trailplatz“ zu reiten und zu üben.


Reiten vor und hinter der Gruppe

Der Herdentrieb ist ein Instinkt, der in jedem Pferd vorhanden ist. Wie stark aber das tatsäch­liche Verhalten von diesem Trieb beeinflusst wird, das hängt von den Umwelteinflüssen ab, denen ein Pferd ausgesetzt war. Durch sinnvolle Erziehungs- und Haltungsmaßnahmen können und sollten Sie darauf Einfluss nehmen, das entsprechende Triebverhalten stark zu reduzieren.

Um ein Pferd diesbezüglich mit gezielten Übungen zu schulen, ist es hilfreich, in einer kleinen Gruppe zuverlässiger Mitreiter zu üben. Das gemeinsame Verhalten sollte im Vorfeld abge­sprochen und Zeichen und Signale auch auf Distanz vereinbart werden.

Mit der kleinen Gruppe geht es hinaus ins Gelände. Auf einem langen, geraden Weg, der guten Boden hat und breit genug ist, traben Sie ein Stück von der Gruppe weg voraus, während die anderen im Schritt weiterreiten. Halten Sie ungefähr 30 oder 40 Meter vor der Gruppe an, wenden und traben oder galoppieren Sie zu ihr zurück und an ihr vorbei. Etwa zehn Meter hinter der Gruppe halten sie wieder an, wenden erneut und traben hinterdrein. Auf Höhe der Gruppe halten Sie seitlich genügend Abstand, wenn Sie überholen, und dann traben oder galoppieren Sie wieder voraus. Zu Anfang wird Ihr Pferd nicht vorwärts gehen wollen und zum Zick-Zack-Lauf neigen. Lassen Sie sich davon ebenso wenig beirren wie von der Tatsache, dass es mit zügigem Tempo zur Gruppe aufschließen will, sobald Sie hinter ihr gewendet haben. Reite Sie hin und wieder auch vor oder hinter der Gruppe ein oder zwei kleine Volten auf dem Weg, bevor Sie es wieder auf die Gerade lenken.

Nach einigen dieser Übungen warten Sie vor der Gruppe, bis diese zu Ihnen aufgeschlossen hat. Dann lassen Sie Ihr Pferd mal in vorderer Position, mal in der Mitte oder hinten gehen. Sollte es „zackeln“ oder drängeln, so beginnen Sie wieder mit den „Patrouillen­ritten“ an der Gruppe vorbei. Beachten Sie bitte, dass eine tatsächliche Strecke von zwei bis drei Kilometern durch diese Übungen das Lauf-Pensum für Ihr Pferd schon um ein Mehrfaches steigert. Bei einem der Folgeritte üben Sie an Wegkreuzungen oder Gabelungen zunächst für kurze Zeit, dann für länger, außer Sichtweite der anderen Pferde zu reiten, um dann aber wieder in ihre Nähe zurückzukehren.

Gelingt das ohne zu viel Aufregung, so können Sie sich zum Abschluss ganz von der Gruppe lösen und einen separaten Weg reiten. Sollte Ihr Pferd dann wiehern oder etwas aufgeregt sein, lassen Sie sich davon nicht beeindrucken, sondern fügen Sie die eine oder andere Voltenübung ein, um dann weiter Ihrer Wege zu reiten. Als Resultat dieser Methode erkennen Pferde sehr schnell, dass sie in die Geborgenheit des heimischen Bereiches und der Herdengenossen nach jedem Ausritt zurückkehren. Außerdem festigt sich das Band zwischen Reiter und Pferd, und die Tendenz, an anderen Pferden zu „kleben“, schwächt sich deutlich ab oder verliert sich ganz. Wenn es gelingt, das Selbstvertrauen eines Pferdes auch in unbekannten und ungewohnten Situationen zu stärken und das Vertrauen und die Bindung an den Reiter in seiner tatsächlich praktizierten „Leitfunktion“ zu festigen, so wird es unabhängig von seinen Artgenossen.


Übungen bei Stalldrang

Besonders wenn man darauf angewiesen ist, häufig dieselben Wege zu reiten, entwickeln manche Pferde einen starken Stalldrang. Bald kennen sie jeden Meter des Weges und ihr innerer Kompass sagt ihnen, wann es in Richtung Heimat geht. Der Reiter merkt es daran, dass sein Pferd plötzlich eilig wird, „zackelt“, sich am Gebiss fest macht und unbequem zu sitzen ist. Die Korrektur solcher Pferde ist nicht selten langwierig. Ein Pferd mit Stalldrang strebt den heimischen Gefilden zu, weil es damit all die angenehmen Dinge des Pferdelebens verbindet, der „Ausritt“ ist dann für ein solches Pferd negativ behaftet. Er bedeutet Trennung von den Herden­genossen, Verlust der Geborgenheit des gewohnten Territoriums, Abstand zum Ort, mit dem Futter und Ruhemöglichkeit verbunden sind. Der Ritt ist mit Aufregung und Anstrengung verbunden, und vom Reiter hat es unter solchen Bedingungen auch nichts Angenehmes zu erwarten.

Der Reiter sollte sich bemühen, die Wertigkeiten „umzupolen“. Nach einem deutlich verkürzten Ausritt begeben Sie sich mit einem solchen Pferd geradewegs in die Halle oder auf den Reitplatz und arbeiten es intensiv für eine halbe Stunde. Anschließend gehen Sie wieder zu einem Schritt­ausritt hinaus. Legen Sie unter der regulären Zäumung ein Halfter mit Führseil an. Lassen Sie das Pferd an einer dafür geeigneten Stelle fünf Minuten grasen, nachdem Sie abgesessen sind und es abgezäumt und den Gurt etwas gelockert haben. Danach führen Sie es noch ein Stück, sitzen wieder auf, führen ein Stück und reiten wieder. Wenn man in diesem Sinne für eine Weile verfährt, so ändert sich bei den meisten Pferden das Verhalten, sie werden gelassener und gehen auch wieder ruhigen Schrittes heim.

Durch all diese Übungen wird es für Ihr Pferd nach und nach zur Selbstverständlichkeit, Ihnen die gleiche Aufmerksamkeit „draußen“ zu schenken, wie auf dem Reitplatz oder in der Reithalle. Lassen Sie es aber nicht auf Auseinandersetzungen ankommen. Denken Sie immer daran, die Entspannung ist das wichtigste Ziel. Erst wenn Sie sich sicher sind, dass Sie die bereitwillige Aufmerksamkeit und Akzeptanz voraussetzen können, werden die Ausritte zu „Spazierritten am losen Zügel mit gelegentlichen Aufmerksamkeits-Kon­trollen“. Nun dienen sie der Entspannung des Pferdes und sollen bewusst eine Abwechslung zum Alltag auf dem Reitplatz sein.

Wie stets bei der Ausbildung von Pferden, sollten Sie bemüht sein, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass das erwünschte Verhalten für Ihr Pferd mit angenehmen Erfahrungen verknüpft ist, das unerwünschte Verhalten dagegen mit Diskomfort.

 

Fotos © Gabriele Boiselle